PEOPLE

Kommt drauf an, wer fragt

Interview mit Fränzi Kühne zu ihrem neuen Buch: "Was Männer nie gefragt werden"

Image-empty-state.png

Foto: Jonas Holthaus

von Susanna Riethmüller

24. Juni 2021

Fränzi Kühne war Chefin der modernsten Digitalagentur Deutschlands, die jüngste Aufsichtsrätin des Landes – und ist das Gesicht der Wirtschaft von morgen. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie Fragen stellt. An Männer. Solche, die sonst nur Frauen zu hören bekommen. Das ist amüsant und schmerzlich aufschlussreich.


Liebe Fränzi, welche Frage wurde Ihnen selbst in Interviews am häufigsten gestellt?
Das hält sich die Waage. Am häufigsten geht es wahrscheinlich um Vorbilder und um meine Vorbildfunktion. Oder um meine Meinung zur Frauenquote, ob ich mir den Job als Aufsichtsrätin überhaupt zutraue, was ich zur nächsten Hauptversammlung tragen werde und wie ich Familie und Beruf unter einen Hut bekomme – all das ist häufig Thema.


Für Ihr Buch haben Sie das einmal umgedreht: Sie stellen erfolgreichen Männern, zum Beispiel dem ehemaligen Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser, genau diese Fragen – die sonst nur Frauen zu hören bekommen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Mir ist bei den Interviews in den vergangenen Jahren immer wieder aufgefallen, dass Journalist:innen aus unterschiedlichsten Medien oft sehr ähnliche Fragen stellen, die sich um Themen drehen, die man in erster Linie als typischen „Frauenthemen“ versteht – Vereinbarkeit, Aussehen, Selbstvertrauen. Das sind Fragen, die Männern in ähnlichen Interviews praktisch nie gestellt werden. Deshalb fand ich es sehr interessant, dem mal einen Spiegel vorzuhalten und zu hören, was Männer darauf antworten.


War es schwierig, erfolgreiche, prominente Männer für das Projekt zu gewinnen? Sie sprachen zum Beispiel auch mit Außenminister Heiko Mass oder dem Medienunternehmer Helmut Thoma. Wie reagierten sie auf Ihre Anfrage?
Ich habe das Projekt in der frühen coronabedingten Lockdown-Phase begonnen. Das war mein Glück, denn viele Männer hatten auf einmal viel mehr Zeit, weil Termine ausfielen, Projekte abgesagt wurden oder schlicht die Reisezeit wegfiel. Ich war überrascht, dass sich so viele meiner angefragten Wunschkandidaten so schnell zurückmeldeten und dazu bereit waren, sich interviewen zu lassen. Man kann sich als Mann bei diesen Themen ja auch schnell angreifbar machen.


Sie schreiben, dass es Ihnen in den konkreten Interviewsituationen dann durchaus schwergefallen ist, Ihren Interviewpartnern die Fragen zu stellen.
Tatsächlich ist es gar nicht so leicht, einen älteren, erfolgreichen Mann im Maßanzug zu fragen, ob er in seinem Job eigentlich von Anfang an ernst genommen wurde, oder generell einen fremden Menschen zu fragen, ob er zwischen Kind und Karriere abgewogen hat. Ich gebe zu, dass mich das Überwindung gekostet hat. Ich konnte auf einmal verstehen, dass man sich das als Journalist:in nicht unbedingt traut.


Weil man es einfach nicht gewohnt ist, Männern diese Fragen zu stellen? Davon ausgeht, dass sie natürlich ernst genommen werden? Vereinbarkeit selbstverständlich kein Thema für sie ist?
Fynn Kliemann hat das sehr schön zusammengefasst: In diesen Fragen an mich liegt immer ein zweifelnder Unterton drin. Wie konnte sie das nur erreichen? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen? Was steckt wirklich dahinter? Fragen an ihn als Mann sind eher wertschätzend und voller Bewunderung dafür, was er erreicht hat.


Interessant ist ja, dass man gegenüber Frauen diese Hemmungen scheinbar weniger hat. Ist das nicht eigentlich ganz schön respektlos?
In den meisten Fällen ist das gar nicht persönlich gemeint. Es ist eher Gewohnheit, ein gesellschaftlich akzeptierter Blick auf Frauen in der Öffentlichkeit. Aber natürlich wünsche ich mir hier eine andere Medien- und Gesprächskultur – es ist an der Zeit, dass sich der Fokus auf unsere Kompetenzen und unsere Persönlichkeit richtet. Ich möchte keine Fragen mehr hören, die sich um Vereinbarkeit drehen oder um mein Äußeres. Es sei denn, ich werde für eine Elternzeitschrift oder eine Modezeitung interviewt.


Welche Antwort hat Sie am meisten überrascht oder berührt?
Mich hat vor allem erstaunt, dass fast alle auch persönliche Fragen beantwortet haben. Und das sehr emotional. Das ist man von solchen Persönlichkeiten, speziell von Männern, einfach überhaupt nicht gewöhnt. Da ist mir klar geworden: Auch Männer können nur auf Fragen antworten, die ihnen gestellt werden. Über viele Fragen hatten meine Gesprächspartner noch nie nachgedacht. Deswegen waren die Antworten sehr spontan und teilweise auch sehr persönlich. Zwei Männer erzählten sehr ausführlich darüber, was sie bei ihren Kindern verpasst haben und wir waren beide in dem Moment sehr emotional bewegt. Das fühlt sich seltsam an, weil wir uns ja eigentlich gar nicht kennen.


Fränzi, Sie haben mit TLGG eine der ersten und erfolgreichsten Digitalagenturen des Landes aufgebaut. 2017 wurden sie die damals jüngste Aufsichtsrätin des Landes. Sie haben zwei Töchter. Sie sind häufig in den Medien, sprechen auf Panels... Können Sie verstehen, dass man da einfach wissen möchte: Wie macht sie das? Oder nervt das einfach nur noch?
Beides. Ich empfinde bei diesem Thema eine totale Zerrissenheit. Einerseits weiß ich, dass es wichtig ist, jungen Frauen zu zeigen, dass und wie es funktioniert. Auf der anderen Seite sehne ich mich immer nach Fragen zu fachlichen Themen, zum Beispiel zur Digitalisierung. Ob es mich nervt, ständig auf „das Frauenthema“ angesprochen zu werden? Ganz ehrlich: Es kommt darauf an, wer wie in welchem Kontext fragt.

christiana-rivers-O_XIvDy0pcs-unsplash_e

Susanna Riethmüller ist die Chefredakteurin des STRIVE Magazines. Sie arbeitet seit 20 Jahren als Journalistin. Sie gehörte zum Gründungsteam des Fashion-Portals „stylebook.de“ und war Stellv. Chefredakteurin von „Elle“ und „Harper’s Bazaar“.

CTA_Website.png

Weitere Artikel aus PEOPLE

"Mein Private-Setup" mit Dr. Michaela Hagemann, Gründerin und CEO von das boep

von Maxine Kettler

Warum man nie zu alt ist, etwas Neues zu lernen.

What’s your Story, Helen Yuanyuan Cao?

von Hannah Andresen