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"Gemeinsam gründen ist wie heiraten"

Interview mit den Edition F-Gründerinnen über's Gründen, wann es Zeit ist zu gehen und ihren neuen Podcast "Faustdick"

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Foto: Katja Hentschel

von Hannah Andresen

30. Juni 2021

Nach sieben Jahren als Co-Gründerinnen gaben Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert Ende letzten Jahres den Geschäftsführerinnen-Posten ihres Medien-Unternehmens EDITION F ab. Aber ohne einander können die Beiden, die ihr Gründungsabenteuer gern mit einer Ehe vergleichen, nicht. Was gibt es also besseres als einen gemeinsamen wöchentlichen Podcast? In diesem Interview erzählen Suse und Nora von ihren Entscheidungen und Plänen für die Zukunft und geben Einblicke in das Gründer:innendasein. 


Liebe Suse, liebe Nora, herzlichen Glückwunsch zu eurem eigenen Podcast! Was hat euch zu diesem Schritt bewogen?

Suse: Tatsächlich hat Nora uns beide dazu bewogen: Denn nach der Entscheidung, unser Unternehmen EDITION F zumindest in operativer Rolle als Geschäftsführerinnen zu verlassen war klar – auch wir zwei als festes Duo fallen irgendwie auseinander ohne den alten Rahmen. Und das hat Nora schnell abgewendet. Wir hatten vorher ja auch schon einen Podcast und dachten: Wenn wir FAUSTDICK starten, hören und sehen wir uns regelmäßig, wissen, was wir gegenseitig so machen und was uns bewegt und können andere mitnehmen auf unserer Reise zu einer neuen beruflichen Identität, wenn man so will.


Nora: Wenn man die eigene Rolle verändert und operativ aus einem Unternehmen rausgeht, verändert sich vor allem auch das tägliche Umfeld. Davor hatte ich den größten Respekt. Aber manches lässt sich auch mitnehmen. Ich fand die Idee schön einen Anker zu haben und dabei mit Suse im Austausch zu sein, auch wenn wir in Zukunft vielleicht nicht täglich zusammenarbeiten, wird Suse weiterhin eine wichtige Sparringspartnerin für mich sein.


Wusstet Ihr schon beim Ausstieg bei Edition F, dass Ihr gemeinsam weiter Projekte machen werdet, oder war es eine spontane Idee?

Suse: Wir wussten, es soll einen Podcast geben – allerdings saßen wir ja alle mehr oder minder im Lockdown, ich Vollzeit mit Kitakind zu Hause – es brauchte am Ende also ein bisschen. Aber es fühlt sich richtig und gut an. Und es ist schön, zu spüren, dass unsere Gedanken nicht nur gegenseitig beieinander, sondern auch anderen Denkanstöße sind.


Ihr beschreibt eure gemeinsame Gründung von Edition F gerne metaphorisch als Ehe. Was war eure Lieblingsphase – Honeymoon oder Eheberatung?

Nora: Die Höhen als Unternehmerinnen beflügeln und machen glücklich. Aber es ist halt wirklich wie in der Ehe, wie gut man zusammenpasst, zeigt sich in den Krisen.


Suse: Ehrlich gesagt ist die Phase der Krise, des aneinander Reibens, die wichtigere – denn hier lernt man, die andere Person auch mit all dem, was stört, auszuhalten und wertzuschätzen. Man versteht, dass man gemeinsam besser ist. Es ist nur nicht unbedingt leicht und uns hat es geholfen, auch externe Hilfe in Form von Coaches oder Mediator:innen in Anspruch zu nehmen. Das ist keine Schmach, sondern eine unglaublich schlaue Investition in sich, das Team und das Unternehmen.


Anfang dieses Jahres habt Ihr die Geschäftsführung von Edition F abgegeben. Wann ist der richtige Zeitpunkt zu gehen – und warum?

Nora: Irgendwann war uns klar, wir sind gerade nicht mehr die richtigen fürs Unternehmen und das Unternehmen vielleicht auch nicht mehr richtig für uns. Das ist ein guter Moment die Rolle zu wechseln. Da ist noch immer viel Überzeugung für EDITION F, großer Glaube an das Thema und das Team, aber nun aus einer anderen, beratenden Perspektive. Für mich selbst will und muss ich erst einmal vieles Revue passieren lassen, in sieben Jahren ist viel gutes passiert und einiges an Herausforderungen gewesen, ich will daran wachsen, und dafür braucht es Zeit, die es nicht gegeben hätte, wenn ich täglich tief drin stecke. Ich wollte auch wieder spüren, wer bin ich eigentlich, ohne mein Unternehmen.


Suse: Zum einen haben wir unglaublich viel erreichen, erleben und ausprobieren dürfen – und dennoch kam es mir nach über sieben Jahren zunehmend so vor, innerhalb dieses Rahmens nicht mehr den Spielraum zu haben und die Neugier für Neues in mir zu entdecken. Neue Projekte fühlten sich irgendwann nur noch als kleine Abwandlung von Altem an und meine Sehnsucht nach ganz anderen Erfahrungen, Lernprozessen und eigenem Wachstum ließ sich nicht mehr abbilden, wie alle Jahre zuvor. Und sicher spielt es auch eine Rolle, dass ich vor allem in den letzten zweieinhalb Kraft und Federn gelassen habe: Es gab zahlreiche schwierige Situation wie Kündigungen, Teamumstrukturierungen, Shitstorms, eine Pandemie – ich merke jetzt, dass ich vieles auch noch verarbeiten und für mich in eine sinnvolle Erfahrung für die Zukunft verwandeln muss. Und das ist eine schöne Position, von der gerade wieder neue Kraft erwächst und spannende Projekte entstehen. Im operativen Tagesgeschäft hätte ich diese Zeit zum Reflektieren nie gefunden. Und das, obwohl sie so wertvoll ist.


Wie geht’s nun weiter für euch? Plant Ihr weiterhin gemeinsame Schritte für die Zukunft?

Suse: Ich genieße gerade, dass die Kita wieder auf hat und die Zeit für mich und meine Gedanken. Was daraus entstehen wird, weiß ich noch gar nicht.


Nora: Bewusst wollte ich mich dieses Jahr zwingen nicht alles zu planen, nicht 24/7 beschäftigt zu sein. Das ist mir im Lookdown etwas schlechter gelungen als ich es mir vorgenommen habe. Ich will mir Zeit nehmen, um Neues entstehen zu lassen und nebenbei an so schönen Projekten wie FAUSTDICK arbeiten.


Was würdet ihr dieses Mal anders machen als bei Edition F?

Suse: Ich glaube, manche Fragen, wie "Braucht es Investor:innen?", hängen davon ab, was man macht – und das wäre etwas, was ich zukünftig stärker hinterfragen würde. Ansonsten bin ich einfach gereift in meiner Art, Unternehmer*innentum zu denken und Unternehmerin zu sein. Ich habe Fehler gemacht bei Führung oder Teamaufbau, die ich heute klarer vor Augen habe und anders angehen würde. Die Fragen – was möchte ich, welche Werte sind mir wichtig, wie möchte ich und wie möchte mein Team arbeiten, welchen positiven Impact möchte ich erzielen und welche Räume brauche ich fern des Unternehmens und der Arbeit – habe ich mir bei der ersten Gründung nicht gestellt. Je klarer man in der persönlichen Basisvision ist, desto eher schafft man es, das Umfeld und das Unternehmen zu bauen, das man sich vorstellt.


Nora: Von Beginn würde ich dem Thema Unternehmenskultur und Führung mehr Raum geben. Im Stress des Alltags haben wir zu selten gute Ideen fertig gedacht und dadurch Fehler gemacht in der Führung. Auch wenn Fehler dazu gehören, hätte ich vor allem in diesem Aspekt vieles besser machen können und wollen. Manche Ideen hätten wir schneller aufgeben, an anderen intensiver arbeiten müssen. Um zu verstehen welche das sind, will ich in Zukunft öfter in die Vogelperspektive gehen.


Kann man als Gründer:in je wieder im Angestelltenverhältnis arbeiten? Warum ja/nein?

Nora: Das kann ich nicht komplett ausschließen. Das Setup aus Freiheit, Unternehmer:innentum und Impact muss stimmen, sicher kann es das auch in einigen Unternehmen geben. Ganz klar ist für mich aber natürlich, dass ich nie mehr in einem Umfeld arbeiten würde, das mich mit meinen Talenten nicht erkennt.


Suse: Wenn das Gesamtpaket aus inhaltlichem Anspruch, unternehmerischer Freiheit und Selbstbestimmtheit sowie Kreativität passt, klar. Ich gebe aber zu, dass ich eine starke Tendenz zum erneuten Gründen habe.


Was für einen Tipp würdet Ihr noch frischen Gründer:innen für ihren Start geben?

Suse: Die Fragen, die ich vorhin gestellt habe – über die Werte, die Art, arbeiten zu wollen und was einem persönlich wichtig ist – halte ich für sinnvoll, im Vorfeld einer Gründung zu beantworten - insbesondere auch mit potentiellen Mitgründer:innen. Es geht nicht darum, überall gleich zu sein, aber in den Werten und der Basis Transparenz herzustellen. Radikale Ehrlichkeit zahlt sich an dieser Stelle aus.


Nora: Was für ein Unternehmen willst du schaffen? Dazu gehört Unternehmens- und Teamkultur, der Purpose und auch sich früh die Frage zu stellen, wie und ob man mit Investor:innen arbeiten will oder welche anderen Wege es gibt. Am Anfang geht es im Kopf immer um das schnell schnell, sich aber über wichtige Fragen im Vorfeld und immer wieder Gedanken zu machen und dafür Räume zu schaffen halte ich für essentiell.


Welche Themen besprecht ihr bei FAUSTDICK?

Nora: Es geht um ein Viereck aus persönlichem Wachstum, gesellschaftspolitischen Themen, Unternehmertum und Feminismus. Jede Folge hat aktuellen Wert, aber könnte auch noch Jahre später für etwas stehen. Wir sprechen über die großen Fragen des Lebens, darüber, was Erfolg ist, was wir ohne Arbeit sind, wie wir miteinander gut kommunizieren können oder wie man ein:e gute:r Chef:in wird.


Hand aufs Herz: Der Podcast-Markt (und dessen Monetarisierung) boomt. Plant Ihr langfristig, aus FAUSTDICK ein profitables Projekt zu machen?

Suse: Profitabel ist es ja bereits, wir hatten von Anfang an Werbepartner an Board. Ein großes Content-Business ist gerade aber nicht geplant.


Was kann man im Podcastgeschäft verdienen?

Nora: Das kommt sehr auf die Reichweite an. Die Toppodcaster:innen können von einem wöchentlichen Podcast sehr sehr gut leben.


Was wünscht Ihr euch für die Medienwelt von morgen?

Suse: Das Ende des Trends zur Verkürzung – denn gerade erleben wir einen Schlagzeilenjournalismus, der uns abhält davon, wieder in konstruktive und diverse Diskurse miteinander zu treten. Und gleichzeitig mehr Offenheit, jüngeren Zielgruppen zuzuhören, um den Journalismus nicht an ihnen vorbei weiterzuentwickeln.


Nora: Nicht stehen zu bleiben und mutig Neues auszuprobieren. Mehr Tiefe, weniger Klickjournalismus. Ein Blick auf Personen, die medial wenig stattfinden.


Die erste Staffel FAUSTDICK ist überall zu hören, wo es Podcasts gibt. Die zweite Staffel startet nach einer Sommerpause am 10. September.

Alle Folgen zum Nachhören gibt es unter: https://faustdick-podcast.com/ und bei Instagram könnt ihr Suse und Nora auch folgen: https://www.instagram.com/faustdick_podcast

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Hannah Andresen ist Art Director und Head of Online Content bei STRIVE. Für STRIVE Online interviewt sie Persönlichkeiten aus der Wirtschaft und spannende Rolemodels. Die Hamburgerin arbeitete zuvor für die Unternehmenskommunikation einer der größten deutschen Werbeagenturen.

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