LIFESTYLE

Zwischen den Welten

Wie ich den mentalen Krisenmodus in Deutschland und Amerika erlebe.

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von Sarah Wiebold

30. März 2021

Wann werden eigentlich unsere Gespräche nicht mehr ausschließlich von Corona dominiert? Wir sind so gefangen in der aktuellen Katastrophenbewältigung, dass notwenige Strategien für ein Leben nach oder mit Corona fehlen.


Vor zwei Jahren bin ich in Amerika angekommen. In vielem fällt mir auf wie ausgeprägt viele meiner deutschen Werte doch sind, an anderer Stelle hat sich mein Denken und Handeln verändert. Kurz nach meiner Ankunft stimmte ich zu, als mir gesagt wurde, das Tragen von Sportleggings sei der Anfang vom Ende. Heute halte ich das Kleidungsstück durchaus für salonfähig. Und selbst Birkenstocks wurden quasi über Nacht zu Louis Vuitton Schlappen.


In mancherlei Hinsicht blicke ich nun von außen auf mein Heimatland. Was mich zurzeit sehr beschäftigt ist, wie unterschiedlich die Menschen in Deutschland und Amerika mit Krisen umgehen.


Hier wie dort gibt es natürlich Menschen, die besser oder schlechter mit der Angst, Unsicherheit und persönlichen Einschränkungen umgehen. Oder auch gar keine Angst empfinden und sich nicht einschränken lassen. Eine spring-break feiernde Party-Crowd hat gerade eindrucksvoll bewiesen, dass trotz der erfreulichen nationalen US-Impflage ein explosionsartiger Anstieg der Fallzahlen mit einem Durchschnittsalter von 30 hinsichtlich der Neuinfektionen möglich ist. Good job, everybody! Mit ein bisschen Glück schafft ihr es, euren Beitrag zur globalen Gerechtigkeit zu leisten und auch in Amerika eine weitere Welle auszulösen.


Und dennoch nehme ich in den USA einen anderen Umgang mit der Corona-Müdigkeit, dem mentalen Krisenmodus, wahr. Es entwickelt sich eine Vision wie die Zukunft aussehen könnte. Die im Ländervergleich besser laufende Impfstrategie und das sich abzeichnenden Wirtschaftswachstum bilden dafür wichtige Säulen. Aber auch in Amerika musste eine gewisse Fassungslosigkeit und Enttäuschung in Bezug auf politische Entscheidungen überwunden werden. Die Starre, die viele in Deutschland gerade empfinden, weicht auch hier nur langsam.


Irgendwann wird auch in der Bundesrepublik der Tag kommen, an dem mehr Impfstoff zur Verfügung stehen wird, als es impfbereite Menschen gibt. Doch was dann? Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass wir, wenn für viele, aber lange nicht alle Menschen die unmittelbare Gefahr gebannt ist, eine prä-pandemische Normalität erleben werden. Auch wenn viele wieder gewonnene Freiheiten zunächst eine große Euphorie auslösen werden.


Die wirtschaftlichen Verluste, Kinder und Jugendliche, die den akademischen und sozialen Anschluss verloren haben, ein enormer Anstieg an Drogen- und Onlinespielsüchtigen und die angeschlagene mentale Gesundheit vieler Menschen könnten zur nächsten großen Krise werden. Zurück bleibt ein Trauma für das dringend Bewältigungsstrategien hermüssen.


Ein Vorteil der USA war es, dass sich die neue Regierung auf die Zeit nach dem Impfstart sehr intensiv vorbereiten konnte, ohne sich um den politischen Corona Alltag kümmern zu müssen. Die Biden Administration hat bereits in der Zeit zwischen Wahlsieg und Amtsantritt einen exakten Plan entwickelt, wie die Zukunft aktiv gestaltet werden soll. Ein ausufernder Springbreak kam in diesem Plan wahrscheinlich nicht vor und zeigt neben vielem anderem, dass selbstverständlich auch die USA weit entfernt von einer optimalen nationalen Strategie sind. Und, dass im schlimmsten Fall, auch immer weniger Menschen bereit sind, sich an Pandemieregeln zu halten oder mit gesundem Menschenverstand zu agieren. Im Vergleich bin ich übrigens tatsächlich schon überrascht, wie gut das in Deutschland funktioniert. Diese Solidarität ist aus meiner Sicht eine ganz große Stärke.


Amerika ist dafür bekannt, aus Krisen schnell gestärkt hervorzugehen. Der klare Blick nach vorne ist hierfür eine wichtige Ursache. Jetzt ist es Zeit sich um die Zukunft zu kümmern!


Im September wird auch in Deutschland eine neue Führung übernehmen. Die Frage ist, wie werden sich die Parteien in Erwartung an einen Wahlsieg vorbereiten? Jeder weiß wie entscheidend die berühmten ersten 100 Tage für den langfristigen Erfolg sind. Vor allem werden eine neue Bundeskanzlerin und ihr Regierungsteam der sehr schweren Aufgabe gegenüberstehen, eine Vision für die Zukunft zu entwickeln an der sich große Teile der Gesellschaft orientieren können.


Es geht aber auch um unsere persönliche Strategie. Wir brauchen eine eigene Vision, wenn wir diese Zeit verarbeiten wollen. Viele Menschen berichten, dass es ihnen einfach zu viel wird, es fehlt an Kraft, an Zuversicht und an Perspektive.


An der Yale Universität wurde 2018 ein Kurs angeboten, der intern als „The Yale happiness class“ betitelt wurde. Die Vorlesung wurde zur bestbesuchten in der 320-jährigen Universitätsgeschichte, nur wenig später wurde eine kostenlose digitale Version über Coursera angeboten. Hundertausende entschieden sich das Zehn-Wochen-Programm zu absolvieren. Einen ungeahnten Boom erlebt es aber seit Beginn der Corona Krise, mehr als 3,3 Millionen Menschen haben sich bisher angemeldet.


Ob dieser Kurs uns zu dem (zurück) führt, was glücklich macht, kann ich nicht beurteilen. Ich würde es fast bezweifeln, sehe in der starken Frequenz aber ein Anzeichen darin, dass viele Menschen gerade händeringend nach einer Art Leitfaden suchen. Wir sollten ganz eigenständige Strategien entwickeln, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. Und vor allem wird es entscheidend sein sich Hilfe zu holen, wenn dies allein nicht mehr gelingt. Die Regierung muss diese Hilfe bereitstellen aber auch die Kommunen müssen dringend ihre Verantwortung erkennen und wahrnehmen.


Deutschland hat seine klaren Stärken. Das gerät aktuell sicherlich in Vergessenheit, wird einem aber sehr bewusst, wenn man im Ausland lebt. Für den Herbst braucht es Impulse, Aufbruchsstimmung, ein neues Bewusstsein. Sehr viele Strukturen sind da und funktionieren. Darauf kann Deutschland immer noch stolz sein. Und wo sie fehlen, da besteht jetzt die Chance es anzupacken.


Und ich gebe jetzt einmal ein gewagtes Versprechen ab: Die nächste Kolumne muss ohne Corona auskommen.


Als erstes die Vision, dann der Weg. Die Hamburgerin Sarah Wiebold war zehn Jahre Geschäftsführerin im familieneigenen Unternehmen. Anfang 2019 entschied sie sich mit ihrer Familie in die USA auszuwandern.

Mit Blick auf New York lernt sie nicht nur Land und Leute zu verstehen, sondern verwirklicht ihren Traum in Amerika ein Unternehmen zu gründen. Mit ihrer Chocolaterie Little Lotta Love will sie den US-Markt von europäischer Confiserie Kunst begeistern. Bei uns und auf ihrem Instagram Account ahoi.newyork schreibt sie über Traum und Wirklichkeit sowie Leben und Unternehmensgründung als Deutsche in Amerika.

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Als erstes die Vision, dann der Weg. Die Hamburgerin Sarah Wiebold war zehn Jahre Geschäftsführerin im familieneigenen Unternehmen. Anfang 2019 entschied sie sich mit ihrer Familie in die USA auszuwandern.

Mit Blick auf New York lernt sie nicht nur Land und Leute zu verstehen, sondern verwirklicht ihren Traum in Amerika ein Unternehmen zu gründen. Mit ihrer Chocolaterie Little Lotta Love will sie den US-Markt von europäischer Confiserie Kunst begeistern. Bei uns und auf ihrem Instagram Account ahoi.newyork schreibt sie über Traum und Wirklichkeit sowie Leben und Unternehmensgründung als Deutsche in Amerika.

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