LIFESTYLE

Sperma im Handgepäck

Endstation: Russland

Ein Interview zum Thema "Selbstbewusster Kinderwunsch"

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von Sarah Jürs

12. Januar 2021

Der Artikel rund um das Thema selbstbestimmter Kinderwunsch in unserer ersten STRIVE Ausgabe hat uns Einblicke in viele sehr persönliche Lebenssituationen und Entscheidungen gegeben. So auch in die von Pamela S. (43), die aufgrund ihrer sehr persönlichen Situation unerkannt bleiben möchte. Ihre Geschichte ist so außergewöhnlich und geht so unter die Haut, dass wir ihr einen eigenen Artikel widmen wollten.


Pamela ist 43 Jahre alt. Nach rund zehn Fehlgeburten drei Kinderwunschzentren und Besuchen bei zahlreichen Gynäkologen, entscheidet sie sich Zur Eizellenspende, welche in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten ist. Um ihren unerfüllten Kinderwunsch doch noch Wirklichkeit werden zu lassen, muss sie nach Russland reisen, wo die Eizellenspende erlaubt ist.


Pamela ist ledig. Der Samenspender ist ein Freund. Wir sprechen mit ihr, kurz bevor die Ärzte ihr in St. Petersburg die befruchtete Eizelle zum ersten Mal einsetzen werden. Pamela wirkt gefasst. Sie ist vorbereitet und hat alles durchdacht. Ein letztes Mal wirft sie alles in die Waagschale, was sie hat. Sollte es in Russland nicht klappen, hat sie wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um ihr Wunschkind zu bekommen.


Wie geht es Ihnen kurz vor dem großen Moment?

Ich bin nervös und gleichzeitig freue ich mich.


Die Eizellenspende ist in Deutschland verboten. Wie sind Sie an die nötigen Informationen herangekommen?

Sehr viele Informationen werden zum einen von Ärzten und in Kinderwunschkliniken unter der Hand weitergegeben. Zum anderen habe ich selbst sehr viel recherchiert. Man muss sich in das Thema reinlesen und richtig reinarbeiten, gerade, wenn Sie international mit Kliniken zu tun haben. Über Social Media konnte ich mit Frauen in Kontakt treten, die ihre Erfahrungen in verschiedenen Kliniken mit mir geteilt haben.


Wie ist es zu der Entscheidung für eine Eizellenspende gekommen?

Angefangen hat der Prozess bei mir mit 38 Jahren. Ich war damals in einer festen Partnerschaft und wir wollten ein Kind. Als es nicht klappen wollte, sind wir irgendwann in Kinderwunschklinik, wo sich dann herausstellte, dass es auf normalem Wege nicht möglich war. Wir haben daraufhin den Weg der künstlichen Befruchtung gewählt. In Summe hatte ich insgesamt zehn Schwangerschaften, die alle in Fehlgeburten endeten.


Wie haben Sie das verkraftet?

Ich wurde psychisch müde und verlor das Vertrauen in den eigenen Körper. Bei jedem anderen schien es zu funktionieren, nur bei mir nicht. Zudem hatte ich das Gefühl, ich mache meinen Körper kaputt durch diese ganzen wahnsinnigen Hormondosen.


Was hatten die Hormone für Auswirkungen?

Ich hatte unglaubliche Stimmungsschwankungen und bin durch Wassereinlagerungen wahnsinnig in die Breite gegangen. Es war sehr anstrengend. Irgendwann wusste ich, es reicht. Es gab für mich nur noch die Möglichkeit einer Eizellenspende. Mein Partner damals konnte das nicht mittragen. Wir haben uns dann freundschaftlich getrennt. Ich wusste, wenn ich wegen eines Mannes auf ein Kind verzichten würde, hätte ich mir mein ganzes Leben Vorwürfe gemacht.


Wie liefen die Vorbereitungen für die Eizellenspende ab?

Die Voruntersuchungen konnte ich alle in Deutschland machen. Ich habe Ultraschall Bilder abfotografiert und nach Russland geschickt. Jetzt bekomme ich Hormone, die aber bei weitem nicht so umfangreich sind wie für die Behandlungen vorher. Die Eizellenspenderin konnte ich mir aussuchen. Es gab Kinderfotos von ihr und ein umfangreiches Profil mit Haarfarbe, Augenfarbe, Gewicht, Beruf und Hobbies, sowie Beschreibungen ihrer Persönlichkeit. Ich habe mich für eine Frau entschieden, von der ich das Gefühl hatte, es könnte auch eine Freundin sein. Ich kann sie nicht direkt kontaktieren aber über die Klinik erreichen. Wenn es klappen sollte, möchte ich ihr gerne danken.


Wie hat das mit der Samenspende funktioniert?

Das war abenteuerlich. Ein Bekannter von mir hat gespendet und ich habe das Sperma tiefgefroren in einem sogenannten Kryocontainer mit ins Flugzeug genommen. Man bekommt schon irritierte Blicke, wenn man erklären muss, was das ist. Zum Beispiel bei der Handtaschenkontrolle am Flughafen oder der Bundespolizei, die alle Unterlagen sehen wollten. Im Flieger passte der Behälter dann nicht unter die Sitzfläche, ich durfte ihn aber nicht hinlegen. Das hätte das Sperma zerstören können. Die Stewardess musste den Fall dann mit dem Piloten abklären. Das war schon viel Aufmerksamkeit für dieses prekäre Thema. Aber mir ist glücklicherweise wenig peinlich.


Haben Sie Ihren Bekannten nach der Spende gefragt?

Ich hatte mich bereits über online Portale zum Thema Co-Elternschaft informiert und geschaut, wer sich da so aufhält und mich mit verschiedenen Männern getroffen. Da waren auch Nette dabei, aber ich hatte nie wirklich das Gefühl, es würde passen. Und wenn Sie gute Freunde haben, dann spricht man ja auch darüber. Und dieser Freund hat es dann selbst angeboten.


Können Sie nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die Ihnen Egoismus vorwerfen?

Mir konnte noch Niemand plausibel erklären, wieso es egoistisch ist, wenn ich Geld, Zeit, Liebe und Fürsorge in einen Menschen investiere. Und das muss ich ja alles machen, wenn ich ein Kind habe. Ich nehme mich selbst zurück, um so einem kleinen Menschen einen möglichst guten Start ins Leben zu bieten. Zu sagen, das sei egoistisch, ist zu kurz gedacht.


Wenn Sie nicht schwanger werden mit der Methode der Eizellenspende, was machen Sie dann?

Ich habe hier noch vier weitere Versuche. Wenn es nach diesen drei Mal nicht funktioniert hat, dann werde ich es aufgeben. Dann ist die Sache durch.


Anm. d. Red.: Pamela S. ist beim ersten Versuch nicht schwanger geworden. Im Februar versucht sie es erneut.

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