LIFESTYLE

Das Geheimnis einer offenen Beziehung

Interview mit Anna Zimt, Autorin des Podcasts "Geschichten einer offenen Beziehung"

Image-empty-state.png

von Nora Weber

10. Juni 2021

Anna Zimt (36, der Name ist ein Pseudonym) wohnt in Hamburg, liebt ihre Freiheit, heiße Dates, wilde Affären und das, obwohl sie seit neun Jahren verheiratet ist. Sie lebt mit ihrem Mann, Max, mit dem sie seit knapp 18 Jahren eine Beziehung führt, in einer offenen Ehe. Und spricht öffentlich darüber. Unter anderem in ihrem gemeinsamen Podcast „Geschichten einer offenen Beziehung“ (Podimo) und in ihrem Buch "In manchen Nächten hab ich einen anderen" (Knaur Verlag). Das Geheimnis ihrer Beziehung besteht unter anderem darin, transparent, viel und ehrlich miteinander zu sprechen. Um sich zwischen den Affären als Paar und seine jeweils eigenen Bedürfnisse nicht zu verlieren. Mit STRIVE spricht Anna über ihr Privatleben in der Öffentlichkeit, das Veto Prinzip und darüber, welche Regeln ihre offene Ehe braucht.



Wie fühlt sich das an, wenn man sein Privatleben so offen mit der Öffentlichkeit teilt? Gab es einen Punkt, wo es Dir mal zu viel war?
Nein, im Prinzip nicht. Aber ich glaub, weil ich immer sehr, sehr genau entscheide, was ich erzähle und was nicht. Es gibt manche Geschichten, die erzähle ich zum Beispiel nur auf der Bühne, dann weiß ich, das ist einmalig bei den Leuten im Kopf, aber das steht nirgendwo schwarz auf weiß oder wurde aufgenommen. Öffentlich über Sexualität zu sprechen ist für mich persönlich kein krasser Tabubruch. Und es ist mittlerweile ja auch nicht mehr so verpönt. Als ich vor 5 Jahren angefangen habe öffentlich darüber zu reden, Bücher zu schreiben und Podcasts zu machen, gab es Katja Lewina, die öffentlich zum thema weibliche Sexualität geschrieben hat. Mittlerweile gibt es andere Podcast-Paare, die darüber sprechen, dass sie eine offene Beziehung führen oder polyamorös leben. Und die Menschen, die meine Bücher offen auseinandergenommen, gelobt und bestritten haben. Das Interesse an dem Thema verbreitet sich in jedem Fall gerade sehr schnell. Ich finde es super, weil ich einfach für mehr Toleranz in Beziehungsfragen bin und, wenn ich dazu beitragen kann, freut mich das.

Man sieht´s nebenbei auch in den Dating Apps. Ich habe das Gefühl, wenn man in Berlin auf z.B. OkCupid unterwegs ist, dann gibt's fast niemanden mehr, der monogam lebt (lacht).


Wie geht euer Umfeld mit Eurem Beziehungs-Status um?
Wirklich entspannt. Unser direktes Umfeld war extrem tolerant und eher neugierig. Solange wir happy damit sind, sind sie es auch. Einige inspirieren wir sogar. Ein Paar, das schon seit einer Ewigkeit zusammen ist, hat uns offen gestanden, dass sie unser Modell total spannend finden und unsere Offenheit zu vielen guten Gesprächen bei ihnen geführt hat.


Wahrscheinlich endet die Toleranz aber da, wo das Geschäft anfängt, oder? Denn Du verdienst ja Dein Geld mit Deiner Geschichte. 
Ja so ist es manchmal. Mir ist erst später bewusst geworden, was ich da gerade für eine Vorreiter-Rolle habe. Menschen diskutieren meine Bücher und Podcast-Inhalte. Und manchen gefällt es eben auch nicht, wie wir leben oder, dass ich darüber spreche. Da versuche ich wenig drauf zu geben.


Max zeigt sein Gesicht nicht in der Öffentlichkeit. Warum nicht und warum hat er sich trotzdem dafür entschieden, den Podcast zu machen?
Das hat verschiedene Gründe. Ich glaube, er hat überhaupt keine Lust darauf in der Öffentlichkeit zu stehen und erkannt zu werden. Anonym spricht er aber sehr gern dazu, um auch die männliche Sichtweise zu zeigen.


Spielt das auch fürs Dating eine Rolle?
Das spielt ihm auf jeden Fall in die Karten (lacht). Er kann so daten wie er möchte und muss sich keine Gedanken machen. Und bei mir ist es mittlerweile schon so, dass ich auf Dating-Apps erkannt werde. Damit war ich eine Zeit lang überfordert. Die andere Seite hat dann einfach einen echten Wissensvorsprung. Ich finde es komisch ab dem Moment, wenn ich denke "Bin ich dann ein Häkchen auf seiner Hitlist?" Das fände ich dann echt einen Abturner.


Ist es leicht eine Affäre zu finden, wenn man in einer offenen Beziehung ist? 
Wenn ich nur auf oberflächlichen Sex aus wäre, dann gibt es freie Auswahl. Aber das ist mir zu langweilig. Und deswegen ist das dann doch schwierig, jemanden zu finden, wenn man wie ich in einer offenen Ehe lebt und jemanden sucht, der damit cool ist, den ich spannend finde und der dann auch noch damit klarkommt, dass ich in der Öffentlichkeit stehe. Dazu bin ich noch eine sehr starke Frau, das muss man(n) ja auch irgendwie hinkriegen. Es gibt dann eine Gruppe von Menschen, die das super spannend und bereichernd finden. Und dann gibt's auch viele, die dann doch die klassische Rollenverteilung präferieren.


Ihr habt acht Jahre ja monogam gelebt und nun lebt ihr seit neun Jahren in einer offen Ehe. Hattet ihr am Anfang der Öffnung der Beziehung klare Regeln, was erlaubt ist und was nicht? 
Also am Anfang waren die Regeln schon starrer. Wir brauchten quasi Stützräder beim Fahrradfahren lernen. Am Anfang hatten wir klare Regeln z.B. zu Sexpraktiken oder was wir sexuell nur einander vorbehalten wollen. Wir haben davon aber schnell Abstand genommen, auch wenn wir viele Regeln mittlerweile unausgesprochen als Prinzipien leben. So wie monogame Paare wissen, dass sie nicht fremd gehen sollten, wissen wir wo unsere Grenzen sind. Darüber, wo unsere Grenzen verlaufen, sind wir regelmäßig im Gespräch. Das ist wahrscheinlich unser Geheimnis.



Können Affären zu lang sein oder kann man sie zu häufig treffen? Habt ihr da Regeln?
Also zu lang, nicht nein. Ich bin da eher auch neidisch drauf, da ich das seltener erlebe. Es ist schön sich gegenseitig zu begleiten im Leben. Ich brauche dabei nur Klarheit und Max tickt da zum Glück wie ich und ist super transparent. Ich weiß zu jeder Zeit wen und wann er sie datet. Wir geben uns nie das Gefühl nicht die Nummer eins zu sein, daher ist es egal wie häufig man sich mit einer Affäre trifft. Ganz am Anfang unserer offenen Beziehung hatten wir die Regel, dass wir dieselbe Person nur alle zwei Wochen treffen dürfen. Das haben wir mittlerweile aber aufgelöst. Ich halte es aber immer noch ähnlich, auch um den Reiz des Neuen nicht direkt wieder zu verlieren.


Habt ihr heutzutage noch Regeln?
Ja, es gibt natürlich Verhütungsregeln und das Vetorecht, aber von letzterem machen wir quasi nie Gebrauch.


Was bedeutet ein Vetorecht?

Das wir ein Veto gegen eine potenzielle Affäre einlegen können oder wenn wir ein komisches Gefühl während dieser aufbauen. Es ist erst einmal vorgekommen, denn wir wollen uns ja bewusst wirklich Freiräume geben. Da wohnte ich in Berlin und fand meinen Nachbarn ganz süß und umgekehrt. Das hat Max direkt gemerkt und gesagt, dass ihm das rein örtlich zu nah wäre. Er wäre ihm zwangsläufig begegnet und das möchte er nicht. Es ist auch wichtig zu wissen, dass nicht immer alles geht und wir als Paar am Ende wichtiger sind.


Kann man in einer offenen Beziehung betrügen?

Ja, das kann man auf jeden Fall! Wenn man gegen die gemeinsamen Absprachen verstößt. Wenn ich jetzt irgendwie plötzlich auf die Idee käme, mit meinem besten Freund ins Bett zu gehen, wäre das ein Betrug. Oder einander zu belügen wäre für mich auch eine Art Betrug.


Wirst du noch eifersüchtig? 
Ich glaube nur, wenn ich das Gefühl hätte zu kurz zu kommen. Wenn wir z.B. gerade beide eine beruflich stressige Zeit hätten und dann eine Frau interessanter wäre als ich, obwohl Max und ich kaum Zeit miteinander verbringen würden. Wirklich schwierig wäre es nur, wenn ich das Gefühl hätte, Max hat keinen Bock Zeit mit mir zu verbringen.


Würden Kinder etwas an Eurer offenen Ehe ändern?
Ich denke nicht. Wir haben im Bekanntenkreis ein Paar, die haben mittlerweile zwei Kinder und leben in einer offenen Beziehung. Die haben das cool für sich gelöst. Während der Schwangerschaft und des ersten Lebensjahrs des Kindes haben sie die Beziehung geschlossen. Erst als sie gesagt hat, dass sie wieder bereit ist andere zu treffen, hat auch er sich wieder verabredet. Und dann war die Neugierde so groß, dass sie danach noch mehr Spaß daran hatten.


Wann kann eine offene Beziehung am besten funktionieren?
Ich glaube, ich hätte es als eine große Herausforderung gesehen, eine Beziehung gleich als offene Beziehung zu starten. Für Max und mich war super wichtig dass wie dieses tiefe Vertrauensverhältnis hatten. Das ist unsere Basis, durch die wir keine Angst umeinander haben. Ich glaube, Menschen sind dann immer gut in Beziehungen aufgehoben, wenn sie sich die Bedürfnisse, die sie haben, selbst eingestehen und dem anderen kommunizieren können. Wenn man sich dann auf eine “Spielart” einigen kann, hat man eine super Basis. Wichtig ist der Respekt vor den Gefühlen des anderen. Es ist ja keine verschrobene Vorstellung monogam leben zu wollen. Man sollte sich nur auf Dinge einlassen, die man wirklich aus sich selbst heraus möchte. Diese Gefühle können sich mit der Zeit ja auch ändern.


Sollte man schon über sein Beziehungsmodell nachdenken, wenn man regelmäßig andere Menschen heiß findet und mit ihnen schlafen möchte?

Im Studium fand ich jemanden echt gut und da war ich noch monogam mit Max zusammen. Ich hab mich sofort gefragt: Heißt das, ich liebe meinen Freund nicht mehr? Und das ist halt Bullshit. Aber das haben wir so gelernt. Man darf eigentlich nur eine Person romantisch lieben, toll finden und begehren. Alles andere ist tabu. Das ist ein Trugschluss und davon halte ich nichts. Aber ich glaube, dass da viele noch nicht so weit sind, das so offen zu betrachten.

christiana-rivers-O_XIvDy0pcs-unsplash_e


Fränzi Kühne

über Karriereplanung


STRIVE Listing
50 Top-Managerinnen für DAX-30-Vorstände und Aufsichtsräte


Der perfekte Lebenslauf
Darauf achten Headhunter:innen


Hier zur Ausgabe 3 >

CTA_Website.png

Weitere Artikel aus LIFESTYLE

“Life is either an adventure or nothing at all”

Neuerfindung in der Krise: Das New Yorker Spitzenrestaurant Eleven Madison Park wird vegan

von Sarah Wiebold

So kümmern sich Tech-Unternehmen um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden

Umfrage zum Mental Health Awareness Month

von Nora Weber

Weed, Love and Justice

Amerika-Kolumne: Lässt der New Yorker Weg der Cannabis-Legalisierung den Geist von Woodstock wieder auferstehen?

von Sarah Wiebold