FINANZEN

Lohnt sich ein Eigenheim noch?

Interview mit Aygül Özkan, Geschäftsführerin im Zentralen Immobilien Ausschuss

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Credits: Dennis Williamson

von Nora Weber

13. Juni 2021

Aygül Özkan ist Geschäftsführerin im Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA), dem Spitzenverband der Immobilienwirtschaft. Zuvor war sie u.A. Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit, Bau und Integration in Niedersachsen. Wir haben mit ihr über die aktuelle Situation auf dem Markt, Immobilien als Altersvorsorge und Parallelen von Lobbyarbeit und Politik gesprochen.


Frau Özkan, was tut sich aktuell auf dem Immobilienmarkt?

Natürlich hat die Coronapandemie Auswirkungen auf verschiedene Nutzungsklassen: Während Logistik boomt, hatten der Non-Food Handel und die Hotelbranche ein sehr schwereres Jahr. Das wird auch unsere Städte verändern, mit vielen Risiken aber auch großen Chancen. Bei den Wohnimmobilien setzen sich die bestehenden Trends fort. Die Jüngeren ziehen weiter gerne in die Städte, womit der Druck auf den dortigen Immobilienmärkten hoch bleibt. Nur der Neubau kann hier Abhilfe schaffen. Bei den Älteren gibt es einen leichten Trend auf das Land zu ziehen, auch über die Grenzen der Metropolregionen hinaus.


Wie entwickeln sich die Kaufpreise? Gibt es regionale Unterschiede?

Die gibt es. Der Trend bei Wohnimmobilien zeigt aber weiterhin generell nach oben. Besonders gilt das für Metropolen und Universitätsstädte. Es gibt aber auch ländliche Regionen, wo sich die Preise auch negativ entwickeln. Hier kann die Politik etwas tun: wenn die Infrastruktur stimmt und man die Ortskerne lebendig hält, z.B. durch die Städtebauförderung und ein Umdenken in der Nutzung, bleibt der ländliche Raum für Familien attraktiv und die Immobilienwerte auch hier stabil.


Könnte der Boom der Immobilienpreise bald einen Dämpfer bekommen? Warum?

Davon ist nicht auszugehen. Obwohl viele Menschen sich eine Wohnung kaufen wollen, macht das neue Umwandlungsverbot im Baugesetzbuch den Markt für Eigentumswohnungen künftig noch knapper. Die Wohnung zu kaufen, in der man wohnt, wird damit selten noch möglich sein. Diese Politik wird dazu führen, dass die Preise von Eigentumswohnungen weiter steigen werden. Bei Einfamilienhäusern ist es ähnlich. Die Flächenversiegelung muss dringend begrenzt werden, deshalb werden auch in den ländlichen Räumen nicht mehr in dem Tempo der letzten Jahrzehnte Neubaugebiete aus dem Boden sprießen. Eine Immobilie bleibt also aus meiner Sicht eine gute Investition.


Was raten Sie: Kaufen oder Mieten?

Ich rate zum Kauf. Ich würde mir wünschen, dass die Politik das auch deutlich besser fördert. Die größte Hürde ist das Eigenkapital und die im internationalen Vergleich sehr hohen Kaufnebenkosten. Der Staat kann hier viel tun: Er kann staatliche Kreditausfallgarantien aussprechen, um die Eigenkapitalhürde zu senken, die Grunderwerbssteuer auf ein einheitliches, niedriges Niveau senken oder auch die Kapitalentnahme aus einer betrieblichen Altersvorsorge vereinfachen.


Welche Option ist die bessere Altersvorsorge?

Bürgerinnen und Bürger im Eigentum haben im Alter ein signifikant höheres Vermögen und haben sich von steigenden Mieten abgekoppelt. Eine Eigentumswohnung oder ein eigenes Haus ist ein sinnvoller Baustein für die Altersvorsorge. Ein Beispiel: wenn sie in Berlin eine Drei-Zimmer-Wohnung für 500.000 Euro kaufen und 1500 Euro Abtrag über 30 Jahre zahlen, kostet sie das nicht mehr als eine neue Drei-Zimmer-Wohnung zur Miete. Selbst wenn der Wert 30 Jahre lang nicht um einen einzigen Euro steigt, haben sie 540.000 Euro Miete gespart. Die Rechnung geht also auch weiterhin auf.


Zurück zur Gegenwart: Was halten sie vom Mietendeckel? Ist es eine gute Maßnahme oder kontraproduktiv für den Mieter:innen?

Das Experiment ist mit Ansage gescheitert. Selbst die Juristen des Berliner Senats hatten Zweifel, trotzdem hat man den Deckel politisch durchgedrückt. Das Angebot an neuen Wohnungen ist in der Folge um über die Hälfte eingebrochen, Sanierungen wurden zu Lasten des Handwerks und des Klimas gestoppt. Profitiert haben zunächst am meisten die Bewohner von teuren Altbauwohnungen z.B. am Kurfürstendamm, die sich aber in der Regel nun mit sehr hohen Rückzahlungen konfrontiert sehen dürften. Hinzu kommt, dass Investoren verschreckt wurden, die dafür gesorgt hätten, dass mehr Wohnungen entstehen. Kurzum: der Senat hat einen Scherbenhaufen hinterlassen. Es kommen im Durchschnitt 137 Bewerber auf eine Wohnung, das bedeutet 136 Leute, die weitersuchen müssen. Es braucht daher einen Neustart in der Berliner Baupolitik, mit der Immobilienwirtschaft, statt gegen die Immobilienwirtschaft. Wir stehen als Partner gerne bereit, denn nur Neubau kann hier Abhilfe schaffen.


Seit September letzten Jahres sind Sie Geschäftsführerin des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA), dem einflussreichsten Lobbyverbandes hierzulande – was hat Sie zu dem Schritt bewogen?

Mich hat gereizt, meine langjährige Erfahrung und Expertise in Gestaltung und Umsetzung von Zukunftsthemen aus meiner Tätigkeit in der Wirtschaft und nicht zuletzt als Bau- und Gesundheitsministerin hier einzubringen. Mit der Corona-Pandemie und die Zeit danach kommt nun eine besonders spannende Aufgabe für uns als Verband dazu. Es geht nämlich darum, unsere Städte neu zu denken und zu planen. Wie und wo wir leben, arbeiten, einkaufen, Freizeit erleben, Gesundheitsversorgung vorfinden und Alt werden, wird sich grundlegend ändern. Die Immobilienwirtschaft und wir als Stimme dieser Branche werden das maßgeblich mitgestalten.


Was ist politischer – Lobbyarbeit oder Politik?

Es gibt tatsächlich einige Parallelen. In meinem neuen Job geht es darum, der Politik den Standpunkt einer Branche zu erklären und auch darum, politische Entscheidungen Unternehmern zu erklären. Erklären ist in Politik und bei der Interessenvertretung zentral. Wir müssen alle Stakeholder auf einem gemeinsamen Weg mitnehmen und überzeugen. Ich glaube daher, der Austausch ist immer wichtig, egal ob als Politiker oder Interessenvertreter.


Sorgen Sie selbst für die Zukunft mit Immobilien vor?

Ich habe mir eine Wohnung in einem gemischten Quartier in Hamburg gekauft, der „Neuen Mitte Altona“. Mir gefällt die Mischung aus Jung und Alt und die gute Anbindung. Ich habe also nicht nur finanziell etwas für meine Altersvorsorge getan, sondern mir auch einen Platz dort gesichert, wo ich gerne im Alter leben möchte. Auch diesen, nicht monetären, aber wichtigen Aspekt sollte man nicht aus den Augen verlieren!

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Fränzi Kühne

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