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Zuhören ist das neue Gold

Politik-Kolumne: Wir haben verlernt, miteinander zu sprechen, zuzuhören und andere Meinungen auszuhalten – auch wenn sie uns nicht gefallen. Aber genau so funktioniert Demokratie.

Zuhören ist das neue Gold

von Martin Fuchs

24. Mai 2021

Unsere Debattenkultur ist kaputt. Gewiss haben auch das Internet und die Social-Plattformen ihren Anteil daran, dass wir verlernt haben, miteinander zu sprechen, zuzuhören und andere Meinungen auszuhalten – auch wenn sie uns nicht gefallen. Aber genau so funktioniert Demokratie.


Wenn ich mir politische Online-Debatten anschaue, fehlt es oft an grundlegenden Kompetenzen. Manchmal ist die dargebotene Inkompetenz Teil einer größeren Strategie, wie bei populistischen Akteur:innen, die Debatten bewusst zerstören wollen. Vielen demokratischen Politiker:innen würde ich aber eher fehlende Medienkompetenz und Debattierunlust attestieren.


Im Grunde müsste jeder politisch Aktive mindestens einmal bei „Jugend debattiert“ teilnehmen und lernen, wie man im Internet respektvoll Argumente austauscht – ohne gegen den anderen gewinnen zu wollen oder dessen Meinung abzuwerten. Ich kenne das von mir selber: Oft fehlt mir die Muße, in digital beschleunigten Debatten zuzuhören. Es kostet Kraft und Zeit, die eigene Meinung zu hinterfragen, sich und seine schön zurechtgelegten Argumente neu zu justieren. In der Politik fehlt es allerdings oft schon am Willen zum Zuhören: So zeigen aktuelle Analysen, dass Parlamentarier:innen oft nur den eigenen Parteifreund:innen auf Twitter folgen. Zumindest auf dieser Plattform sind sie oft nur wenig mit ideologisch Andersdenkenden vernetzt.


Ich bin kein Freund der Filterblasentheorie. Laut Eli Pariser führt die Nutzung von algorithmisch gesteuerten Social-Media-Plattformen dazu, dass wir immer nur das sehen, was uns gefällt. Dadurch, so die Theorie, bilden sich Blasen, in denen wir gefangen sind, sie verengen und beeinflussen unsere Meinungsbildung. In Deutschland kam die Forschung dazu bisher eher zur gegenteiligen Erkenntnis: Demnach begegnen uns in der digitalen Timeline immer noch deutlich mehr Quellen als im Analogen. Wer überhaupt noch eine gedruckte Zeitung liest, der greift eher zu einem Exemplar, das seine Weltsicht bestätigt.


Das ist eine Chance, die Poli­tiker:innen noch viel zu wenig nutzen.

Jeden Tag sollten Politiker:innen ihre eigenen parteipolitischen und soziodemografischen Blasen, in denen sie leben, reflektieren und aktiv verlassen. Das Internet würde es ihnen leicht machen – doch viel zu oft wundere ich mich: Ob Insta Live, Podcast oder die klassische Podiumsdiskussion, warum sitzen dort so oft nur Diskutant:innen aus der eigenen Partei – wie langweilig ist das denn, bitte?


Wie es anders geht, zeigt zum Beispiel der Podcast „1 Thema, 2 Farben“ in dem Christian Lindner (FDP) u.a. mit Luisa Neubauer (Fridays for Future), Norbert-Walter Borjans (SPD) oder auch Dietmar Bartsch (Die LINKE.) ausgeruht diskutiert und sich Zeit zum Zuhören nimmt. Das ist auch für Nicht-Liberale hörenswert und spannend, weil sie hier Diskurs erleben.


Digitale Plattformen ermöglichen es wie kein zweiter Kanal, Blasen zu identifizieren und diese gezielt anzusprechen. Doch statt diese Potenziale zu nutzen, warten Politiker:innen darauf, dass Bürger:innen sich auf ihre Profile verlaufen, um dort dann gegebenenfalls mit ihnen zu diskutieren. Das ist der falsche Ansatz. Allein auf Facebook, LinkedIn und XING gibt es unzählige Gruppen mit oftmals Tausenden Mitgliedern, die sich zu bestimmten Fachthemen zusammengefunden haben. Hier sollten Politiker:innen präsent sein und zu ihren Themen das Gespräch anbieten. Warum nicht mal in der lokalen Schrebergarten-Gruppe ein exklusives Q&A zum Bienensterben anbieten?

Und dann nicht vergessen: Reden ist Silber, Zuhören ist Gold.


Diese Kolumne erschien ursprünglich in unserer aktuellen Printausgabe (03/2021). Leider ist uns ein Fehler passiert und wir haben sie mit einer alten Headline abgedruckt. So, wie es sich für Start-ups gehört, räumen wir diesen Fehler natürlich ein und stellen die Kolumne daher auf diesem Kanal nochmal kostenfrei für alle Leser:innen zur Verfügung.


 

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